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Weggemeinschaft Gangelt will mit Mitgliedern neue Visionen für das Gemeindeleben entwickeln

Pfarrer Andreas Krieg und Gemeindereferentin Barbara Ratayczak heben symbolisch die Schätze der Bibel.

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Aus der KirchenZeitung, Ausgabe 12/2016

Ihr könnt vieles auch selbst machen

Weggemeinschaft Gangelt will weg von der Dinner-for-one-Pastoral

„Zäh wie der Nebel auf den Rübenfeldern“ sei die Motivation beim Teamtag im Dezember 2008 gewesen, erinnert sich Barbara Ratayczak.

Das Pastoralteam der GdG im äußersten Westen des Bistums (mit neun Kirchen in acht Dörfern) hatte die Begeisterung verloren. Im Gespräch mit der KirchenZeitung erzählen die Gemeindereferentin und Pfarrer Andreas Krieg von dem Weg, der damals begann.

Was ist passiert an diesem denkwürdigen Teamtag?
Ratayczak: Christian Hennecke aus dem Bistum Hildesheim stellte uns das Modell der kleinen christlichen Gemeinschaften vor. Am Ende des Tages hatten wir das Gefühl: Super, das ist unser Modell für die Kirche der Zukunft! Wir hatten ein Stück von der Begeisterung zurück, mit der wir alle einmal unser Studium begonnen hatten. Es gab eine richtige Aufbruchstimmung. Das hatte auch mit der charismatischen Ausstrahlung von Christian Hennecke zu tun.

Bibel-Teilen spielte bei diesem Aufbruch eine Rolle.

Krieg: Ja, es haben sich hier Bibelkreise gegründet, aber vielfach wieder aufgelöst. Unsere Leute müssen erst lernen, über den Glauben zu reden. Das braucht Vertrauen. Wenn sich Menschen in einem Bibelkreis nicht kennen, läuft das zäh.

„Stell Dir vor, es ist Kirche und jeder will hin.“ Unter diesem Slogan haben Sie kürzlich eine Umfrage gestartet. Was ist der Hintergrund?

Ratayczak: Wir wollen herausfinden, wozu wir als Kirche in dieser Welt eigentlich gut sind. Wir wollen mit möglichst vielen hier in unserer Weggemeinschaft
eine Vision von Kirche entwickeln.

Und?

Ratayczak: Na, ja, es kann halt kein Wunschkonzert sein. Viele möchten immer noch, dass es in jedem Dorf an jedem Sonntag eine Messe gibt und möglichst zu der Zeit, die sie sich wünschen. Aber es kann nicht darum gehen, nur die wenigen Priester möglichst effektiv über das Bistum zu verteilen. Wir möchten herausfinden, wie Menschen, die zusammen leben, das Bewusstsein entwickeln, dass sie gemeinsam Kirche sind, weil sie an
Jesus Christus glauben.

Krieg: Es geht um einen Bewusstseinswandel und um Berufung. Nicht nur um Berufungen für Priester, sondern für alle Christen: Entdecke deine eigene Berufung! Dann entwickelt sich die Kirche nicht nach dem, was wir wollen, sondern nach dem, was die Leute mitbringen. So sehen wir uns als Geburtshelfer bei der Entdeckung des Glaubens.

Ist das nicht ein Risiko?

Ratayczak: Natürlich. Da können auch Leute kommen, die etwas ganz anderes machen wollen, als wir uns vorstellen, aber dafür möchten wir offen sein.

Ist das schon passiert?

Ratayczak: Ja, zum Beispiel jetzt bei der Kommunion-Katechese. Die Eltern möchten keine wöchentlichen Gruppenstunden. Sie treffen sich an drei Samstagen, und das weitgehend ohne Hauptamtliche.

Da müssen Sie viel Vertrauen haben, oder?

Ratayczak: Vertrauen, das ist ganz wichtig; dass wir Menschen zutrauen, selbst für ihren Glauben Verantwortung zu übernehmen. Wir Hauptamtliche wollen uns nicht länger als Verwalter und Besitzer des Heiligen sehen, das nur von denen weitergegeben werden darf, die studiert haben und dafür beauftragt sind.

Krieg: Früher lief das nach dem Motto: Wir, die Hauptamtlichen, machen das für euch. Jetzt wollen wir die Erfahrung vermitteln: Ihr könnt vieles auch selbst machen, und es funktioniert.

Ratayczak: Wir fallen doch immer wieder auf die Nase, wenn wir meinen, wir wüssten, was für die Leute gut ist. An manchen Stellen müssen wir den Betrieb am Laufen halten, aber wir wollen weg von der Dinner-for-one-Pastoral – same procedure as every year – möglichst lange aufrecht erhalten, was es immer schon gab.

Aber es gibt doch viele Menschen, für die das wichtig ist.

Ratayczak: Wir müssen immer wieder abwägen. Hier auf dem Dorf kann ich nicht einfach eine Kirche zur Jugendkirche erklären und den anderen damit den Gemeindegottesdienst wegnehmen. Viele wünschen sich die alten Formen, die stehen seit 50, 60, 70 Jahren ganz fest im Glauben. Auch das möchten wir wertschätzen.

Welche Rolle haben die Hauptamtlichen in einer Kirche, die auf die Talente der Laien setzt?

Krieg: Auch in der Kirche von morgen haben wir eine sakramentale Struktur. Priester ist und bleibt ein Amt mit Verantwortung. Für mich bleibt die seelsorgerische Begleitung wichtig. Ich möchte Talente entdecken und Berufungen fördern – auch bei ehrenamtlichen Laien.

Welche Rolle spielen dabei die hauptamtlichen Laien?

Ratayczak: Vielleicht hätten wir gar keine Existenzberechtigung mehr, wenn alle aus dem Bewusstsein heraus leben würden, dass sie hier Gemeinde sind. Und wir wollen nicht einfach Lückenbüßer sein. Für mich ist wichtig, nicht atemlos allen Dingen hinterherzurennen, die man noch tun könnte; an dem festzuhalten, was wir in den 80er Jahren einmal als lebendige Gemeinde kennengelernt haben und das wir immer noch als Idealbild mit uns herumtragen.

Sie sagen, es passiert viel mehr Kirche, als wir eigentlich wahrnehmen.

Krieg: Wenn Schüler etwas für Flüchtlinge tun, ist das dann Kirche? Die Schüler sehen das wahrscheinlich nicht als Kirche, wir würden aber sagen, das ist ein tolles Projekt, da findet Kirche statt. Was wir in der Bibel lesen, geschieht vielerorts auch außerhalb der offiziellen Kirche. Wir müssen im Blick haben, dass Gottes Geist überall wirkt.

Wie erreichen Sie Menschen, die keinen Kontakt mehr zur Kirche haben?

Ratayczak: Das ist echt schwer! Die Frage bewegt uns sehr: Wie können wir als Kirche wieder relevant werden in dieser Gesellschaft? Viele sagen: Ich glaube nichts und mir fehlt auch nichts. Anderen ist wichtig, dass es die Kirche am Ort gibt, die zu bestimmten Anlässen einen Service bietet, den sie brauchen; zum Beispiel Beerdigungen und Hochzeiten; aber der Sonntagsgottesdienst, das ist nicht ihr Ding. Dabei brauchen wir doch diese Form von Gemeinschaft.

Was empfehlen Sie anderen Gemeinden, die sich wie Sie in Gangelt auf den Weg machen wollen?

Ratayczak: Hauptamtliche und Ehrenamtliche müssen von Anfang an gemeinsam gehen. Es nützt nichts, wenn Ehrenamtliche eine tolle Schulung machen und dann erst den Pastor fragen müssen, wenn sie Neues einbringen möchten. Genauso wenig hilft es, wenn die Hauptamtlichen vorpreschen und keiner den neuen Weg mitgeht. Gerne erzählen wir anderen Gemeinden von unseren Erfahrungen.

Das Gespräch führte Paul Heesel.


Veröffentlicht am 16.03.2016

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